Dieter David Scholz:
Hinweg aus Deutschland gehöre ich
Zweifellos war es Friedrich Nietzsche, der den Künstler Richard Wagner und dessen Werk zuerst als europäisches Ereignis wahrnahm. Thomas Mann und Hans Mayer folgten ihm später hierin – ebenfalls lange bevor die monumentalen Ausgaben der Briefe Richard Wagners (1967 ff.) sowie seiner kompositorischen Werke (1970 ff.) zu erscheinen begannen und die Tagebücher Cosima Wagners kritisch ediert waren (1976).
In den Jahrzehnten seither hat nicht nur die Biographik zu angemesseneren Einschätzungen der vertrackten Zusammenhänge in Wagners turbulentem Künstlerdasein geführt, als dies je zuvor der Fall war, sondern auch die literarische und szenische Rezeption seiner Bühnenwerke erreichte endlich ein Niveau, das ihrer Komplexität nahekommt. Aber: Trotz aller Rehabilitationen und Richtigstellungen – Wagner, der Europäer, ist weiterhin ein Unbekannter geblieben.
Der Text des vorliegenden Buches entspricht einem Vortrag, den David Dieter Scholz, eingeladen vom Richard Wagner-Verband München, am 12. Juni 2010 im Künstlerhaus am Lenbachplatz gehalten hat.
Den Europäer Wagner spürt der Verfasser auf in dessen äußerlichen Lebensaktivitäten – dem permanenten Unterwegssein des Künstlers –, seinen Selbstzeugnissen – Briefen, autobiographischen Arbeiten, den Tagebüchern Cosimas –, theoretischen Schriften, den Stoffen, derer er sich annahm – sowohl in seinen „kanonisierten“, als auch in den kaum bekannten Werken („Die Feen“, „Das Liebesverbot“) und nicht realisierten Projekten (z. B. „Die Sieger“).
Erstaunliches Fazit: Wagner wurde nicht irgendwie und erst allmählich zum Europäer, sondern war es „von Anfang an“ – schon der 21-Jährige hatte klare, transnationale Ambitionen und verfolgte sie bis zum Lebensende.
Was Scholz sichtbar macht, ist mehr und Anderes als Nietzsche, Thomas Mann und Hans Mayer im Auge hatten. Bei alledem wird nicht versäumt, auch das signifikant Undeutsche zu dokumentieren, das Wagners Wesen kennzeichnet. Genauer: Sein tatsächliches Format.
Es wäre viel gewonnen, wenn die vorliegende Vortragsedition dazu beitrüge, landesübliche Engstirnigkeiten zu überwinden und eingefahrene Fehlurteile zu revidieren.

